Friedensreich Hundertwasser

1928 Wien - 2000 Pazifik

  • Titel Stark fortgeschrittene Genesis
  • Datierung 1956
  • Technik Aquarell auf Papier auf Leinwand
  • Maße 46 x 54,5 cm
  • Signatur links unten signiert und datiert: HUNDERTWASSER 1956
  • Provenienz Galerie Peerlings, Krefeld (direkt vom Künstler, lt. Einlieferer), Privatbesitz Niedersachsen
  • Literatur Andrea Christa Fürst, Hundertwasser. 1928 - 2000, Bd. II, Werkverzeichnis, Köln 2002, S. 317, Abb. 268

Friedensreich Hundertwasser, geboren als Friedrich Stowasser in Wien in den 1930er Jahren als Sohn einer früh verwitweten jüdischen Mutter, war ein vielseitiger Künstler – Maler, Architekt und Umweltaktivist. Er entwickelte eine eigene, ganzheitliche Philosophie, die seine Kunst und Architektur prägte. Hundertwasser lehnte rationale, gerade Linien ab und setzte stattdessen auf „organische“ Formen und eine enge Verbindung zwischen Kunst und Natur. Das Bild zeigt eine Art kosmische „Geburt“ oder „Schöpfung“ – eine symbolische Darstellung des Universums im Prozess der Entwicklung. Ein helles Grün dominiert die Fläche, durchzogen und umrahmt von terracottafarbenen Linien, die sich am Rand spiralförmig winden. Blau mischt sich ein, verschwimmt im unteren rechten Bereich mit der Grundfarbe, zieht kräftige Linien nach oben und endet in mandelförmigen, augenähnlichen Formen. Auch die Spiralen sind teilweise blau und drehen sich zu einem dunklen Zentrum. Die weißen Ränder der Leinwand betonen das Farbenspiel, während der Untergrund in den auffälligen Schiffen am unteren Bildabschnitt sichtbar wird. Die geschwungenen Linien und die verspielte Geometrie symbolisieren Ursprung und ständige Metamorphose von Leben und Natur. In der oberen Bildhälfte erinnern wabernde Formen an Zellen oder Kristalle, während im unteren Teil aus strukturierten, farbenfrohen Elementen ein organisches „Wachstum“ hervorzutreten scheint. Das Bild wirkt wie eine visuelle Allegorie auf die Entwicklung von Natur und Bewusstsein. Vom Titel ausgehend, könnte das Werk einen Garten oder Park darstellen, durchzogen von braunen Wegen oder Wasserläufen, in dessen rechter unterer Ecke ein See liegt. Es zeigt die Entstehung dieses Naturraums, möglicherweise auch durch menschliche Gestaltung. Typisch für Hundertwasser besitzt das Aquarell stark dekorative Qualitäten, die Vieldeutigkeit lädt jedoch ein, Fantasie und Natur gedanklich zu durchwandern, die Rolle des Menschen im fragilen ökologischen Gleichgewicht zu reflektieren und das Bild im Sinne der „Grammatik des Sehens“ zu vervollständigen. Hundertwasser suchte stets die Verbindung zwischen Individuum und Umwelt und propagierte ein Leben im Einklang mit der Natur. Das Bild kann als Metapher für die Geburt einer neuen Welt verstanden werden, die sich von den Zwängen der Vergangenheit befreit – ein Spiegel seiner Philosophie: eine Feier des Lebens, des Wachstums und der Entwicklung in einer sich stetig verändernden Welt.