Erika Giovanna Klien

1900 Borgo di Valsugana - 1957 New York

  • Titel Baum im Wind
  • Datierung 1945
  • Technik Aquarell auf Karton
  • Maße 74,5 x 54 cm
  • Provenienz aus dem Nachlass der Künstlerin; Privatbesitz, Österreich
  • Literatur Marietta Mautner Markhof, Gemäldegalerie Michael Kovacek (Hg.), Erika Giovanna Klien. Wien 1900 - 1957 New York, Wien 2001, S. 49, Abb. 13 Sylvia Kovacek GmbH (Hrsg.) Erika Giovanna Klien. Wiener Kinetismus. Wien 2022, S. 54f, Abb. 14

Klien visualisiert in „Baum im Wind“ das Einwirken verschieden starker Luftströmungen auf eine Pflanze. Den unterschiedlichen äußeren Phänomenen ausgesetzt, erscheint „Baum im Wind“ dabei wie eine bildgewordene Metapher von Kliens eigenem Leben. In hellen Gelb- und Violettönen sind die Äste des Baumes im rechten oberen Bildraum dargestellt, von einem leichten Wind bewegt und nur wenig geneigt. In dunklen Violett- und Brauntönen, der zunehmenden Stärke des Windes entsprechend, hingegen die Äste im mittleren und unteren Bildraum. Einzelne, hell wiedergegebene Zweige am unteren Bildrand sind in gezackter Form dargestellt, einem Blitz gleich, als ob eben dieser gerade in das Holz gefahren wäre. Eine simultane Darstellung des Wirkenden und Bewirkten entsteht. In feiner Aquarelllasur bilden Bögen in mehreren Schichten die Bewegung der Äste nach und verbinden so die einzelnen Bewegungselemente in harmonischer Weise miteinander.

Es geht in der Metapher darum, ob Krisensituationen eher mit Elastizität oder mit Rigidität zu bewältigen sind. Klien war auch in ihren persönlichen Aufzeichnungen der amerikanischen Jahre dieser Frage nachgegangen und hatte sie um 1940 am Beispiel des Brückenbaues abgehandelt – eine Idee, die sie möglicherweise ihrem damals noch in Österreich lebenden und später ebenfalls in die USA ausgewanderten Bruder, dem Bauingenieur Gunther Klien, verdankte und für einen Kurs in Architektur an einer der zahlreichen Kunstinstitute, an denen sie lehrte, ausgebaut hatte. In der Pflanzenmetapher wird die Gefährlichkeit diskontinuierlicher oder jäher Wirkkräfte auch für sehr elastische Pflanzenstrukturen visualisiert: es kommt beim plötzlichen Einbruch in die konstante Windkurve zum Abbrechen des Stammes – die durch einen Mehrfachbruch entstehende Zickzacklinie gleicht sich sinnbildlich der Erscheinung eines Blitzes an, so dass zwischen Bewirktem und Wirkendem eine irritierende Ähnlichkeit entsteht.

1) Mautner Markhof / Kovacek, Wien 2001, S. 16