Koloman Moser

1868 Wien - 1918 Wien

  • Titel Mann und Frau
  • Datierung um 1914
  • Technik Öl auf Karton
  • Maße 37,3 x 50 cm
  • Signatur rückseitig Stempel: NACHLASS KOLOMAN MOSER, links unten Nachlassnummer 237
  • Provenienz Erbe nach Koloman Moser: Editha Hauska, Karl und Dietrich Moser; Privatbesitz, Österreich
  • Literatur Vgl. Rudolf Leopold, Gerd Pichler (Hg.), Koloman Moser, Leopold Museum, Wien 2007, S. 289; Kunstverlag Wolfrum, Koloman Moser, Nachlassausstellung, 23. November – 15. Dezember 1920, Ausstellungskatalog Nr. 237, bezeichnet „Mann und Weib“
  • Sonstiges Gutachten von Dr. Gerd Pichler, vom 20. Oktober 2025, Wien. Das Werk wird in den Fortsetzungsband des Werkverzeichnisses Koloman Mosers, von Gerd Pichler, aufgenommen.

Darstellung: Das querformatige Gemälde zeigt einen männlichen und einen weiblichen Akt, die auf zwei Felsplateaus stehen. Sie sind einander zugewandt, aber durch einen Abgrund getrennt. Der Mann streckt seine linke Hand nach der Frau aus, kann sie aber nicht erreichen. Seine Silhouette ist in den Wolken, die den Bildhintergrund ausfüllen als Schatten verdoppelt. Haltung und Körperspannung zeigen das Paar in emotionaler Erstarrung.

Kunsthistorische Analyse und Einordnung: Zur stilistischen Entwicklung Kolo Mosers als Maler: Kolo Moser studierte von 1886 bis 1893 Malerei an der Akademie der bildenden Künste und 1893-1895 an der Kunstgewerbeschule. Aus seiner Studienzeit sind mehrere Gemälde nachweisbar. Danach tritt Mosers Interesse an der Malerei in den Hintergrund und er betätigt sich in erster Linie als Graphiker, Raumkünstler und Entwerfer kunstgewerblicher Gegenstän-de. Etwa zeitgleich mit seinem Rückzug aus der Wiener Werkstätte um 1907 begann sich Moser wieder verstärkt mit der Malerei auseinanderzusetzen. Im Mai 1911 zeigte er in der Wiener Galerie Miethke mit 53 Gemälden das Ergebnis dieser bis dahin dem Publikum kaum bekannten Facette seines künstlerischen Werkes. Aus der zeitgenössischen Kritik lässt sich hohe Anerkennung für Mosers bei dieser Ausstellung gezeigten Porträts ablesen. Karl Kutzmany schrieb: „Es gibt kaum ein Gebiet der angewandten Kunst, auf dem sich Moser nicht betätigt hätte, fruchtbringend und richtunggebend; darüber und über die Ausstrahlungen seines Wirkens als Lehrer braucht kein Wort verloren zu werden, ist doch alles seit Jahren etwas stets Gegen-wärtiges. Nun sehen wir Moser nahe dem Urboden: In dem Studium der Natur, vor der Staffelei, die er immer öfter und lieber ins Freie stellt oder wenigstens nahe zum Fenster. Sonnenklare Farben sind das Leben dieser Porträte, Blumenstücke, Landschaften, Interieurstudien."

Mosers Studien zur Farbenharmonie und zur Erzeugung des Lichts in einem Gemälde sowie die Fragen der künstlerischen Kontraste und der Verteilung der einzelnen Gegenstände im Bildraum sollten Moser anhaltend beschäfti-gen. Eine besondere Rolle spielte hierbei das Verhältnis der genauen Natur-wahrnehmung zur nachfolgenden künstlerischen Übersetzung und Überhöhung in farblicher und flächiger Verdichtung.

Einen stilistischen Wendepunkt im malerischen Schaffen Kolo Mosers markierte das Jahr 1913, als er im April Ferdinand Hodler in Genf besuchte und sich sehr aufmerksam mit dessen Werk auseinandersetzte. In der Folge traten bei Moser neben seinen Landschaftsbildern symbolistische Gemälde mit allegorischen und mythologischen Inhalten in den Vordergrund, die sich zum Teil Hodlers symmetrische Bildaufbauten und strenge Figurenkomposi-tionen zum Vorbild nahmen und den Künstler bis zu seinem Tod beschäftigen sollten.

Datierung, Darstellung und Hinweise zur Provenienz des vorgelegten Gemäldes: Seit 1913 konzentrierte sich Koloman Moser in seinem malerischen Schaffen neben den in seinem Werk immanenten Landschaftsdarstellungen immer mehr auf figurale Gemälde mit symbolistischen Inhalten. Im Zentrum seines Interesses steht der Mensch als Individuum im Spannungsfeld seiner Emotionen und als Teil einer kosmischen Ordnung. Motivisch interessiert sich Moser hierbei gleichrangig für christliche, allegorische und mythologische Inhalte, die er allesamt als allgemein gültige Fragestellungen der menschlichen Existenz thematisiert.

Motivisch denkt man bei dem vorgelegten Gemälde unweigerlich an Darstellungen von Adam und Eva, die seit dem Spätmittelalter beliebtes Thema weiblicher und männlicher Aktdarstellungen sind. Während das Paar in der biblischen Darstellung aber stets einander in Liebe zugewandte Personenzeigt, erwidert die Frau bei Moser die fordernde Geste des Mannes nicht. Sie verharrt, anmutig in sich gekehrt auf ihrem Platz und ist durch den Abgrund unüberbrückbar vom Mann getrennt. Nicht einmal sein Schatten kann sie erreichen.

Für Kolo Moser war die Auswahl der richtigen Farben und ihre Wirkung zueinander der Schlüssel zur vollendeten Malerei. Fragestellungen zur Farbenlehre beschäftigten ihn im Jahr 1914 immer intensiver. Ein besonders charakteristisches Stilmittel der Darstellungen jener Zeit ist die Lichtaura, welche die Konturen begleitet und Ausdruck der Leuchtkraft der Formen ist. Daher lässt sich das vorgelegte Gemälde stilistisch in die Zeit um 1914 datieren.

Das Gemälde befand sich im Nachlass des Künstlers und wurde im November 1920 in der Nachlass-Ausstellung im Kunstverlag Wolfrum als Nr. 237 unter dem Titel „Mann und Weib" gezeigt und verkauft.